Fach- und Führungskräftemangel in Thüringen? – Auswirkungen des Brain Drain junger Eliten

Von Christian Wewezow und Martin Heinze

Heutzutage ist das Thema Fach- und Führungskräftemangel in Thüringen in aller Munde. Symposien aus Wirtschaft und Politik befassen sich mit dieser Problematik intensiv, auch in den Medien wird darüber diskutiert. Aber leiden Thüringer Branchen tatsächlich an einem Fach- und Führungskräftemangel und wie sehen die Auswirkungen dieses Brain Drains junger Eliten aus? – Der vorliegende Artikel möchte sich genau mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Junge Eliten in Thüringen

Eliten werden damals wie heute mit einer Vielzahl von Schlagworten in Verbindung gebracht, wie zum Beispiel Erfolg, Herkunft, Wissen oder auch Macht. [1] Heutzutage wird von Wert-, Funktions- und Machteliten gesprochen, obwohl eine überschneidungsfreie Trennung kaum möglich ist. Im nachfolgenden werden unter „Eliten\” im weiteren Sinn „akademische Eliten\” verstanden. Diese verfügen nicht nur über eine hochwertige Ausbildung an einer Universität oder Hochschule, sondern sind aufgrund ihrer Qualifikationen auch in der Lage, außergewöhnliche Leistungen zu erbringen. Folglich ergibt sich ihre Bedeutung für den Arbeitsmarkt aus ihrem Leistungsvermögen. Dabei wird angenommen, dass diese jungen Eliten neue Impulse in Form von Innovationen oder Managementtrends mitbringen. Ihre Ideen sind für einen Wandel und eine zukunftsfähige Wirtschaft von Bedeutung, dies gilt auch für Thüringen. Es ist somit für das Wirtschaftswachstum essentiell, dass jungen Eliten über einen längeren Zeitraum Perspektiven geboten werden, um den Abwanderungstendenzen entgegenzuwirken.

Vor allem viele junge und gut Ausgebildete Ostdeutsche verlassen die Region. Diese Abwanderung wird derzeit auch durch einen Zuzug von Studenten und Akademikern nicht kompensiert. Allerdings kann angemerkt werden, dass im Bundesdurchschnitt immerhin 70 Prozent der Absolventen im Bundesland ihres Studienortes verbleiben. Eine eigens zu diesem Thema durchgeführte Befragung unter Absolventen der Betriebswirtschaftslehre und der Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Friedrich-Schiller-Universität Jena kam zu folgendem Ergebnis: 86 Prozent der zugezogenen Studenten aus den alten Bundesländern, jedoch nur 42 Prozent der ostdeutschen Absolventen verlassen Thüringen nach dem Studium wieder. Zudem sollte nicht vernachlässigt werden, dass die Rückkehrrate von zunächst abgewanderten Thüringer Absolventen vergleichsweise hoch ist. Diese Resultate werden von anderen Untersuchungen bestätigt.

Ursachen für den Brain Drain in Thüringen

Als Ursachen für den Wegzug aus Thüringen wurden von den Befragten zwei wesentliche Gründe genannt: Erstens das unzureichende Angebot adäquater Arbeitsplätze und zweitens eine wenig angemessene Entlohnung. Durch die hohe Mobilität und Flexibilität der Absolventen werden Entscheidungen hinsichtlich des weiteren beruflichen Werdeganges meist rational entschieden, was die Abwanderung fast unvermeidlich nach sich zieht und eine Rückkehr langfristig ausschließt. Lediglich soziale Netzwerke und Familienbindung sprechen für den Verbleib in Thüringen.

In öffentlichen Diskussionen wird der Wegzug von Thüringern und studienbedingt Zugezogenen nach dem erfolgreichen Studienabschluss kritisch betrachtet. Dabei spielt nicht nur der Know-How-Verlust, sondern auch die Finanzierungslücke zwischen Bildungskosten und zusätzlicher Kaufkraft, eingenommenen Steuern sowie Abgaben der Studenten oder Absolventen eine Rolle.

Allerdings ist das Phänomen des Brain Drains fachspezifisch, beispielweise haben in Thüringen Ingenieure eine gute Chance auf einen angemessen bezahlten Arbeitsplatz; demgegenüber haben Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaftler darauf nur geringe Chancen. Aus diesem Grund sollte überdacht werden, ob das derzeitige Studienangebot der strukturellen Nachfrage des Thüringer Arbeitsmarkts entspricht und ob eine Konzentration bestimmter Studienrichtungen auf einige wenige Studienstandorte eine geeignetere und regionsspezifischere Ausbildung gewährleistet.

Vom Brain Drain zum Brain Gain in Thüringen

Insgesamt ist es schwierig, die Abwanderung akademischer Eliten zu stoppen, wenn weiterhin Arbeitsplätze fehlen und die finanziellen Perspektiven in anderen Bundesländern vielversprechender sind. Damit weitere Stellen für hochqualifizierte Akademiker entstehen, ist es notwendig, die vorhandene Institutslandschaft in Thüringen auszubauen, die Gründung und Ansiedlung innovativer Start-Ups zu begünstigen sowie Unternehmen stärker miteinander zu vernetzen.

Literatur

Busch, O. (2007): Wie groß ist der Brain Drain innerhalb Deutschlands?, ifo Dresden, Nr. 48, 4/2007.

Egeln, J./Eckert, T./Heine, C./Kerst, C./Weitz, B. (2003): Indikatoren zur Ausbildung im Hochschulbereich, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Studien zum Innovationssystem Deutschlands, Nr. 4/2004, Mannheim.

Frohwieser, D. (2007): Hochschulen und Akademikerarbeitsmarkt im demographischen Wandel: Die Situation in Sachsen, aktuelle Forschungsergebnisse, ifo Dresden, Nr.12, 5/2007.

Gabriel, O. W./Neuss, B./Rüther, G. (2006): Eliten in Deutschland: Bedeutung, Macht, Verantwortung, Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 506, Bonn.

Schneider, L. (2005): Ost-West-Binnenwanderung: Gravierender Verlust an Humankapital, Wirtschaft im Wandel, 10/2005.


[1] Als Werteliten werden Personen bezeichnet, die in der Gesellschaft verankerten Werte und Moralvorstellungen glaubwürdig repräsentieren. Menschen die für das Funktionieren der Gesellschaft einen erheblichen Beitrag leisten, zählt man zur Funktionselite. Hierbei spielt vor allem die Leistung eine entscheidende Rolle. Zu den Machteliten werden hingegen Personen gerechnet, die im Besitz einer entsprechenden machtvollen Position sind. Die tatsächliche Machtausübung mittels folgenreicher Entscheidungen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.